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Du willst an die Börse, weißt aber nicht so recht, wie’s geht und wo du anfangen sollst?

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Unsere Redakteurin Saskia Weck klärt mit der Finanzexpertin Andrea Huber von DJE, was du wissen musst, wenn du deinen ersten ETF kaufen möchtest.

Saskia: Hallo Andrea, ich bin froh, dass du dir heute Zeit nimmst, ein paar grundlegende Fragen unserer Leserinnen zu beantworten. Vielleicht stellst du dich erst einmal selber vor?

Andrea Huber

Andrea Huber

Andrea: Ja, das mach ich doch sehr, sehr gerne! Mein Name ist Andrea Huber. Ich bin seit 2008 bei DJE Kapital AG im Vertrieb für institutionelle und semiinstitutionelle Kunden tätig. Tatsächlich bin ich vor vielen, vielen Jahren in die Branche gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Ich habe ursprünglich Anglistik und Romanistik auf Lehramt studiert und bin durch ein Praktikum bei einem Asset Manager in der Finanzbranche hängen geblieben.

Saskia: Das heißt, du kennst dich auch bestens mit Fonds, ETFs und Anleihen aus, bist also die perfekte Ansprechpartnerin für meine Fragen. Was meinst du braucht es, um erfolgreich an der Börse loslegen zu können? Hast du da ein paar Tipps für unsere Leserinnen?

Andrea: Was es braucht, ist aus meiner Sicht eine Strategie – das ist das allerwichtigste. Bevor ich in die Details gehe und mir Produkte ansehe, ist das Grundlegende, dass ich mir über mich selbst Gedanken mache. Und zwar: Wo will ich hin, welche finanziellen Ziele habe ich, wie viel Zeit habe ich? Wie sieht meine finanzielle Gesamtsituation aus? Je vermögender ich bin, desto mehr Möglichkeiten habe ich. Es geht auch im Kleinen, aber da kommen wir noch drauf. Denn jeder Schritt ist ein kleiner Anfang. Eine weitere wichtige Komponente ist: Wie ist meine persönliche Risikobereitschaft? Die Börse ist nicht eitel Sonnenschein. Es gibt Achterbahnfahrten, wie uns aktuell auch wieder vor Augen geführt wird. Und deshalb ist es wichtig, eine Strategie zu haben, die für mich persönlich passt. Und dann kann ich auch solche Achterbahnfahrten durchstehen und die Schweißausbrüche halten sich in Grenzen.

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Saskia: Wir predigen unseren Leserinnen auch regelmäßig, dass es sich nicht lohnt, Geld an der Börse anzulegen, wenn frau noch Schulden oder noch keinen Notgroschen hat. Wie siehst du das?

Andrea: Das ist absolut richtig. Da geht es erst einmal darum, die finanziellen Verpflichtungen abzubauen. Es sei denn, es handelt sich zum Beispiel um Immobilienkredite, da baue ich mir ja letztendlich auch einen Baustein auf. Aber wenn ich jetzt beispielsweise Konsumkredite habe, sollte ich sie erst einmal zurückzahlen. Dann kann ich mir im zweiten Schritt ein Vermögen aufbauen. Gleiches gilt für Berufsanfängerinnen. Zuerst geht es darum, meine eigene Arbeitskraft abzusichern.

Saskia: Stichwort „Berufsunfähigkeitsversicherung“.

Andrea: Absolut. Denn meine eigene Arbeitskraft ist einfach das A und O. Damit bin ich langfristig in der Lage, mir mein Vermögen oder meine Altersvorsorge – oder was auch immer ich mit meinem Sparziel verfolge – aufzubauen. Das heißt: erst einmal meine Arbeitskraft absichern und dann langsam einsteigen. Schritt für Schritt. Sparpläne bieten sich da an.

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Saskia: Gutes Stichwort! Wenn die Frauen jetzt schon ihren Notgroschen und mögliche Schulden abgebaut haben: Wie fängt frau denn dann am besten an, wenn sie an die Börse gehen will? Hast du Tipps für die ersten Schritte?

Andrea: Ja, natürlich. Grundsätzlich brauche ich erst einmal ein Depot. Das ist die Grundvoraussetzung, denn ich muss ja meine Aktien und Fonds irgendwo lagern. Dieses Wertpapierdepot kann ich bei einer Bank eröffnen. Es gibt aber auch sehr viele Online-Broker. Das ist sozusagen die „Hardware“, die ich brauche, um Finanzinstrumente überhaupt lagern zu können. Und dann überlege ich mir meine Strategie. Übrigens: Auch wenn ich mir Hilfe suche, professionelle Hilfe von einer Beraterin, werde ich auch nicht umhinkommen, mir meine eigene Strategie zurechtzulegen. Wie viel Zeit habe ich? Wie clustere ich mein Vermögen? Wie viel brauche ich wann? Wie viel möchte ich mir aufbauen? Und dann fange ich klassischerweise mit einem Sparplan auf einen ETF oder einen Fonds an. So beginne ich ganz langsam über Sparraten, mir mein Vermögen aufzubauen. Wenn ich dann vielleicht Weihnachtsgeld bekomme oder eine Prämie, kann ich auch unterjährig immer etwas hinzufügen. Und so baue ich mir mein Vermögen langsam auf. Ich beginne, auch wenn ich bei null starte, mit einem ganz einfachen, möglichst breit weltweit gestreuten ETF oder Fonds. Je mehr mein Vermögen steigt, desto mehr und desto feinere Produkte kann ich dazu nehmen.

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Saskia: Wir sehen auch, dass immer mehr junge InvestorInnen an die Börse strömen und dass sich die Broker und Banken dementsprechend anpassen. Jetzt gibt es schon Sparpläne ab einem Euro. Man muss sie nicht einmal mehr monatlich besparen, sondern kann das auch quartalsweise tun. Mir stellt sich da die Frage: Muss man an die Börse und Richtung Aktien und ETFs gehen? Ist das alternativlos oder hast du noch andere Optionen für uns?

Andrea: Es ist schon alternativlos. Das Zinsniveau ist niedrig bis negativ, wenn man vom Zins auch noch die Inflation abzieht. Das heißt, ich bin gezwungen, Anlageformen mit besserer Rendite zu wählen. Da bieten sich die Aktien oder eben aktienähnliche Produkte an, sprich Aktien-ETFs oder Aktienfonds. Selbst wenn sich die Zinsen erhöhen. Die Frage ist natürlich: Wie hoch werden sie sein? Werden sie durch die Decke schießen? Wir meinen: nein. Dann hab ich statt 0,2 Prozent auf meinem Sparbuch eben 0,3 oder 0,4 Prozent. Aber das sind noch keine auskömmlichen Zinsniveaus, die eine Alternative zum Aktienmarkt wären. Aber – wie gesagt – das natürlich alles in dem Verhältnis, das für mich geeignet ist. Für junge Leute, die noch 20 oder 30 Jahre Zeit haben: Go for it! Durchaus vom liquiden Vermögen 100 Prozent in Aktien gehen, wenn dieses Geld der Altersvorsorge dienen soll. Wenn ich älter bin, muss ich ein bisschen vorsichtiger sein mit dem Aktienanteil – zweifellos. Aber grundsätzlich ist die Aktie aus unserer Sicht tatsächlich alternativlos, wenn ich ein Instrument haben will, mit dem ich überhaupt die Chance haben möchte, eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften.

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Saskia: Jetzt besonders in Anbetracht von 5 bis 6 Prozent Inflation. Das muss man dann auch erst einmal schaffen mit seinem Aktiendepot. Aber du hast jetzt noch ein anderes Stichwort angesprochen und zwar: Frauen, die schon etwas älter sind und trotzdem noch an der Börse starten wollen. Sagen wir mit über 50. Was würdest du ihnen raten – lohnt sich das noch?

Andrea: Also aus eigener Erfahrung kann ich sagen: natürlich! Wir gehören schließlich nicht zum alten Eisen und wir haben ja auch noch ein paar gute und schöne Jahre vor uns. Aber leider habe ich auch da kein Pauschalrezept für unsere Anlegerinnen. Denn auch da kommt es darauf an: Wie sieht mein Gesamtportfolio aus? Wie sieht meine finanzielle Situation insgesamt aus? Wie risikobereit bin ich? Was möchte ich erreichen? Geht es mir darum, mein Vermögen zu vermehren oder reicht es mir, wenn ich es erhalte? Und daraus bemisst sich dann die entsprechende Aktienquote, die ich in meinem Depot haben will. Die Faustregel lautet: 100 minus Lebensalter ist gleich Aktienquote. Das ist sehr individuell. Aber um deine Frage zu beantworten: Natürlich lohnt es sich, auch noch mit über 50 in Aktien zu gehen.

Saskia: Ich kann mir vorstellen, dass viele junge Leute, die jetzt mit ETF-Sparplänen anfangen, damit später die eigene Rente aufstocken wollen. Ab wann sollte man sich Gedanken zur systematischen Ruhestandsplanung machen?

Andrea: Grundsätzlich gilt: Je früher, desto besser. Ich weiß, dass es mit 20 oder 30 nicht lustig ist, sich Gedanken über die Altersversorgung zu machen. Es gibt auch lustigere Dinge, die man mit dem Geld machen kann. Aber die Zeit und der Zinseszinseffekt sind nicht zu unterschätzen. Gesetzt dem Fall, ich starte mit null. Ich mache lediglich einen monatlichen Sparplan von 100 Euro. Ich unterstelle jetzt eine jährliche durchschnittliche Rendite von 6 Prozent. Wenn ich 20 Jahre anspare, habe ich insgesamt 24.000 Euro eingezahlt. Und nach 20 Jahren stehen da 45.600 Euro. Das heißt, 24.000 Euro habe ich eingezahlt und die Rendite inklusive Zinseszins liegt bei 20.000 Euro. Wenn ich das Ganze auf 10 Jahre sehe, habe ich nur 12.000 Euro eingezahlt. Ich ende – bei gleichen Voraussetzungen – bei 16.000 Euro und mein Zinsertrag liegt bei 4.000 Euro. Da sieht man mal die Dimension und was die Zeit und der Zinseszinseffekt ausmachen. Je früher man – auch mit kleinen Raten – anfängt, desto besser.

Saskia: Das wäre dann auch ein guter Tipp für Eltern, die überlegen, wie sie für ihr Kind sparen könnten. Sie sollen also eher nicht auf das klassische Sparbuch setzen, sondern in Aktienfonds gehen?

Andrea: Bitte, ja!!

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Saskia: Aber wir wissen ja auch beide: An der Börse Geld anzulegen, ist nicht ganz risikolos. Das muss man dazu sagen. Jetzt haben wir Krieg in Europa und vor zwei Jahren kam der Börsencrash wegen Corona, auch wenn er glücklicherweise kurz war. Kann man etwas tun, um die Crashs besser auszuhalten? Kann man die Crashs sogar für sich nutzen?

Andrea: Grundsätzlich schon. Man sagt ja auch immer: Wenn die Börsen tatsächlich stark nach unten korrigiert wurden, sind das Einstiegszeitpunkte. Für den jetzigen Crash muss man sagen: Es ist tatsächlich verrückt im Moment, wie die Börse funktioniert. Sie reagiert extrem sensibel auf Nachrichten. Da kommt mal eine gute Nachricht: „Man setzt sich zu Verhandlungen zusammen“, da ist noch nichts passiert und schon geht die Börse nach oben. Am nächsten Tag heißt es: „Die Verhandlungen sind nicht so verlaufen, wie man sich das erhofft hatte“, und schon geht die Börse wieder nach unten. Da sieht man, welche Nervosität im Markt ist. Ich bin jetzt einfach mal frei zu behaupten, dass es für eine Privatanlegerin schwer ist, diese kleinen und schnellen Moves zu timen. Da muss man tatsächlich Profi sein und sich sehr viel Zeit nehmen. Und auch mit sehr viel Bedacht und Erfahrung agieren. Ich persönlich mache das nicht, obwohl ich in der Branche bin, weil ich weder die Zeit habe noch das meiner persönlichen Strategie entspricht. Natürlich kann ich die Situation nutzen und nachschießen, wenn ich noch ein bisschen Geld auf der Seite habe. Aber ich glaube, bei der momentanen Situation ist es besser, sich auf seine Strategie zu verlassen und sich zu sagen: „Okay, ich habe so und so viel Zeit. Mir ist bewusst, dass gerade sehr viel Irrationalität am Markt ist. Das wird sich früher oder später wieder beruhigen. Ich bleibe bei meiner Strategie und mache tatsächlich ‚Full Metall Jacket‘. Ich gehe da durch, mache die Augen zu und vertraue einfach meiner langfristigen Strategie.“

Saskia: Sagen wir mal, ich hätte jetzt Geld zur Verfügung, zum Beispiel 10.000 Euro. Aktuell brauche ich es nicht, aber sagen wir, in ein bis drei Jahren hätte ich es gerne wieder. Was würdest du den Investorinnen raten?

Andrea: Also ganz ehrlich: Wenn ich 10.000 Euro habe und weiß, dass ich die sicher in ein, zwei oder drei Jahren brauche, ist eine Aktienanlage aus meiner Sicht nicht geboten. Denn vielleicht herrscht gerade eine Krise, wenn ich das Geld wieder zur Verfügung haben möchte. Hier muss ich so ehrlich sein und sagen: Dann lass ich es tatsächlich lieber auf dem Sparbuch und akzeptiere, dass ich jetzt einfach keine Zinsen bekomme. Besser nichts machen, was unsinnig wäre. Denn wenn die Börse in einem Jahr wieder crasht, ist das Risiko vielleicht größer als das kalkulierte Risiko der Nullzinsen.

Saskia: Und wenn ich das Geld zehn Jahre nicht bräuchte? Lohnt es sich dann, zu investieren?

Andrea: Ja, durchaus. Also wenn ich das Geld zehn Jahre nicht bräuchte, würde ich durchaus einen guten Teil in eine Aktienanlage geben. Also ich spreche immer von Aktien, Aktienfonds, ETFs, also eine auf Aktien basierende Anlageform sozusagen. In zehn Jahren kann sich durchaus die ein oder andere Welle wieder ausgeglichen haben. Ich würde dann nicht 100 Prozent in Aktien gehen, aber vielleicht 50, 60 oder 70 Prozent. Und den Rest sicher anlegen.

Saskia: Und „sicher“ dann im Sinne von Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld und Anleihen? Oder woran hast du da gedacht?

Andrea: Ja, auf jeden Fall. Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld, ja. Ich kann natürlich auch sogenannte Mischfonds wählen, die in sich nur einen bestimmten maximalen Aktienanteil haben. Dann gebe ich zumindest dem Fondsmanager die Gelegenheit, mit dem Rest des Geldes, das also nicht in Aktien steckt, auch auf entsprechende renditebehaftete Anlageformen zurückzugreifen. Es gibt auch Fonds, die haben einen Teil Gold mit drinnen oder Staats- oder Unternehmensanleihen. So kann man das natürlich auch machen. Ich muss nicht sagen: „Ich habe auf der einen Seite einen hundertprozentigen Aktienfonds und auf der anderen Seite habe ich dann Tagesgeld oder Festgeld.“ Sondern ich kann zum Beispiel auch einen Mischfonds wählen. Da gibt es auch alles Mögliche, was das Herz begehrt. Da gibt es Mischfonds mit 50 Prozent Aktienanteil maximal, mit 70, mit 80, aber auch mit 40 oder 30 Prozent. Ich kann also wirklich überlegen: „Okay, womit fühle ich mich wohl und wie kann ich mein Ziel erreichen?“

Saskia: Sehr interessant! Andrea, vielen Dank! Dann haben wir jetzt einen guten Überblick gewinnen können, auch angepasst auf die aktuelle Zinslage. Danke für deine Zeit! Ich hoffe, dass du uns auch weiterhin mit Rat und Tat und vor allem mit deinen schlauen Antworten zur Verfügung stehst und wir uns bald wieder sprechen.

Andrea: Das würde mich auch freuen!

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Anhang: Keine Ahnung von der Börse? So geht’s:

  1. Schritt: Depot eröffnen
    Um Fonds zu kaufen, brauchen Sie ein Depot. Das können Sie bei Ihrer Hausbank oder – meist günstiger – bei Online-Brokern einrichten. Im herMoney Depotvergleich erfährst du, welches das richtige sein könnte.
  2. Schritt: Strategie überlegen
    Kaufen Sie nicht irgendwelche Fonds. Machen Sie sich erst Gedanken, wie Ihr Depot strukturiert sein soll. Welchen Anteil sollen Aktien, ETFs und Rentenfonds ausmachen? Mehr über die sogenannte Asset Allocation erfahren Sie hier.
  3. Schritt: Fonds auswählen
    Wie erkennt der Laie eigentlich einen guten Fonds? Lesen Sie es hier nach.
  4. Schritt: Jährlicher Check
    Der Markt ändert sich und damit Ihr Depot. Manche Aktien und Anleihen steigen, andere fallen. Deshalb sollten Sie einmal pro Jahr prüfen, ob Ihr Depot noch Ihrem Risikoprofil entspricht. Mehr dazu lesen Sie hier.

Extra-Tipp: Was tun, wenn die Börse crasht?
Ein Börsencrash ist keine Katastrophe. Sofern Sie ein international breit gestreutes ETF-Depot haben, behalten Sie einen kühlen Kopf und sitzen Sie die Kursschwankungen einfach aus. Ganz mutige kaufen jetzt sogar nach. Warum das sinnvoll sein kann.

Disclaimer: Aktien, Fonds und ETFs unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Kaufempfehlung dar.