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Wie hat es Beate Sander geschafft, mit Aktien ein Vermögen aufzubauen? Wir fragen nach.

Die ehemalige Realschullehrerin Beate Sander startete mit 59 Jahren ihr Invest in Aktien. Heute – über 20 Jahre später – hat sie sich ein Millionen-Depot aufgebaut und über 50 Bücher zum Thema Aktien, Geldanlage und Finanzen veröffentlicht. Im Interview mit herMoney plaudert Beate Sander über ihre Anlagestrategie und gibt aktuelle Aktien-Tipps.

Im Mai 2020 verriet Beate Sander ihre Erfolgsgeheimnisse in einem exklusiven herMoney-Webinar. Wir haben ein paar wichtige Tipps für Sie notiert:

„Zum Frühstück schaue ich gerne die Börsenkurse auf ntv“, erzählte Beate Sander im Webinar. Um einzelne Unternehmen besser „kennenzulernen“, nutzt sie Google und das Handelsblatt. Wichtige Kennzahlen sind für die Expertin KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis), Eigenkapitalquote, Jahreshoch und -tief, Buchwert und Dividendenzahlungen. Aber auch dann weiß niemand, was die Zukunft bringt. Wir haben keine Glaskugel.

„Aktien, das muss man ganz klar sagen, sind ein Lotteriespiel“, warnte Sander. Wer wenig oder gar kein Geld auf der hohen Kante hat, für den seien Einzelwerte nichts. Stattdessen rät sie hier zu ETFs, auch als Sparplan ab 50 Euro. Wer mehr Geld hat und das nötige Wissen, könne in Aktien gehen.

Ihre Empfehlung: Nicht zu viel Geld auf einen Wert setzen, sondern breit aufstellen. „Haben Sie 50.000 Euro, kaufen Sie nicht nur fünf unterschiedliche Einzelwerte, sondern 30 bis 40.“ Gemäß dem Motto: Breit gestreut, nie bereut.

Immer von Interesse ist die Strategie, mit der Frau Sander zur Aktien-Millionärin wurde. Auch uns erläuterte sie ihre Hoch-Tief-Mut Strategie. Wichtige Voraussetzung sind ein langer Anlagezeitraum, breite Streuung, Teilverkäufe und Neuanlagen im richtigen Moment zu günstigen Preisen.

Über Dividenden, Nachhaltigkeit und Anlagefehler

Für viele Aktionär*innen sind nicht nur Gewinne relevant, sondern auch Dividenden. Dasselbe gilt für Aktien-Millionärin Sander, die keine Freundin von „Sell in may and go away“ ist. Wer jetzt kauft, könne einen guten Schnitt machen, denn durch den aktuellen Kursrutsch haben sich manche Dividenden verdoppelt. „Ich nehme mir die abgestürzten Dividendenstars ins Depot“, verriet sie. Weiter kauft sie moderne Aktien mit „mickrigen Kursen“, wie etwa Netflix.

Beim Thema Nachhaltigkeit nahm uns Frau Sander mit in den Norden, nach Skandinavien. Sie warf mit uns einen Blick auf UPM-Kymmene aus dem Forst- und Papierbereich, Mowi ASA aus der Fischzucht – „um die Meere nicht auszurauben“ – und die Tomra Systems AG, einer der führenden Anbieter für Materialverwertung und Recycling von Getränkepackungen.

Wo sieht die Expertin Chancen?

„Musik spielt bei den Nebenwerten“, glaubt Sander. Bei nachhaltigen Aktien, familiengeführte Unternehmen und Anlagen, die den demografischen Wandel betreffen. Und natürlich beim Gesundheitswesen, Medizintechnik in Verbindung mit Biotech und künstlicher Intelligenz. „Covid wird uns noch lange begleiten.“

Wer risikofreudig ist oder ein „Zocker-Gen“ hat, könne mal ganz vorsichtig einen kleinen Posten Zocker-Aktien kaufen. „Für ein bisschen Nervenkitzel“, lachte Sander. Vielleicht ein Quartett aus Wasserstoff-Aktien, jeweils für 500 Euro Ballard Power, Power Cell, Nel ASA und Plug Power. Das aber sei nur etwas für Fortgeschrittene!

Weitere Hintergrundinformationen und Tipps im Interview

herMoney: Frau Sander, ich darf gratulieren. Zum 82. Geburtstag und dazu, dass Sie die Zwei-Millionen-Grenze Ihres Aktiendepots geknackt haben.

Beate Sander: Dankeschön. Ich habe ja erst mit knapp 60 Jahren angefangen, in Aktien zu investieren. Und im Laufe der Zeit habe ich mich richtig für die Börse begeistert und mich reingekniet. Und jetzt, an meinem 82. Geburtstag, kam der Banker zu mir ins Haus und hat gesagt: „Jetzt haben Sie es geschafft, Frau Sander, jetzt haben Sie die Zwei-Millionen-Grenze in Ihrem Depot geschafft.“

herMoney: Sie haben ja in den Jahren Ihre ganz eigene Anlage-Strategie entwickelt.

Beate Sander: Ja, die Hoch-Tief-Mut-Strategie. Die habe ich erfunden und auch erprobt. Vor allem in den Crashs 2000/2003 und 2008/2009. Dann habe ich sie immer mehr verfeinert und aufgebaut.

herMoney: Hoch-Tief-Mut, wie funktioniert die Strategie?

Beate Sander: Grundvoraussetzung für die Strategie ist ein langer Anlage-Zeitraum. Dann kaufe ich breit gestreut Aktien. Wenn sie im drei- oder vierstellig Prozentbereich gestiegen sind, mache ich Teilverkäufe. Und von dem Geld hole ich mir – ohne einen einzigen Euro neues Geld in die Hand zu nehmen – günstige, gute Aktien. Die meisten kaufen ja Aktien, wenn sie am teuersten sind. Quatsch! Am besten kaufen Sie Aktien, die generell gut sind und – das kommt immer mal wieder vor – gerade verprügelt werden und der Kurs sinkt. Wie jetzt Sixt. Die ist vor ein paar Tagen von 100 runtergekommen auf 80. Habe ich zugekauft. Jetzt sind die wieder auf über 90.

herMoney: Sie sind Profi, doch für einen Laien dürfte es fast ein Ding der Unmöglichkeit sein, bei der richtigen Aktie zum richtigen Zeitpunkt und Kurs einzusteigen.

Beate Sander: Ist auch nicht nötig. Ich muss nicht den exakt niedrigsten Kurs finden, um einzusteigen. Und – Achtung vor der Gier! – auch nicht den exakten Höchstpunkt für Teilverkäufe erwischen. Jeder sollte aber versuchen, möglichst nahe an der Tiefst- oder Höchstkurve aktiv zu sein.

herMoney: Mit welchen Beträgen ist der Einstieg in einen Einzelwert sinnvoll?

Beate Sander: Das sollten Beträge zwischen 1.000 bis 2.000 Euro sein. Wichtig ist wirklich der lange Atem. Und ich kauf nur das, was ich liebe, was ich kenne, was ich verstehe und was ich für immer behalten will. Und was hohe Dividenden abwirft. Verkauft wird nur, wenn ich einen Schrotthaufen eingekauft habe.

herMoney: Sie verkaufen immer nur einen Teil? Mir sagte mal ein Banker: „Bei sattem Gewinn alles verkaufen“, nach dem Motto: „Vom Gewinn mitnehmen ist noch niemand arm geworden.“

Beate Sander: Tja, aber ich will ja nicht arm werden, ich will ja reich werden. Meine besten Rennpferde bleiben im Stall. Nicht wegen des Geldes, das Geld ist mir schnuppe. Ich will den Erfolg und die Bestätigung, dass meine Strategie taugt. Über das Geld freuen sich meine Kinder oder Enkel, die ich unterstütze.

HerMoney: Die Dividende ist der Teil des Gewinns, den eine Firma an ihre Aktionäre ausschüttet. Wie wichtig ist denn die Dividendenrendite für Ihre Hoch-Tief-Mut Strategie?

Beate Sander: Sehr wichtig. Besonders für den langen Anlage-Zeitraum. Beispiel: Eine Fuchs Petrolub habe ich für rund vier Euro gekauft. Jetzt kostet die 40 Euro. Sie zahlen aktuell – ich runde jetzt mal, dann ist es einfacher zu rechnen – einen Euro Dividende.  Die Formel für Rendite ist: Dividende mal 100 geteilt durch 40. Wir rechnen nach und sehen: Aha, 2,5 Prozent Rendite, Stand heute. Weil ich aber für 4 Euro gekauft habe und den einen Euro nehme, habe ich eine Rendite von 25 Prozent.

herMoney: Welche Aktien fallen Ihnen denn spontan ein, die eine starke Dividende zahlen. Gerne auch mit jährlicher Steigerung.

Beate Sander: Na ja, es gibt Unternehmen wie Procter & Gamble, Johnson & Johnson oder MacDonalds – die haben seit 50 Jahren ihre Dividende nie gesenkt, sondern immer nur gesteigert.

herMoney: Sogenannte Dividendenaristokraten.

Beate Sander: Genau. Mein höchster Aristokrat ist übrigens die Hochtief-Aktie. Ich kaufte sie mir nach der Wende. Bauwirtschaft wird lange boomen – allein schon wegen der sich häufenden Katastrophen durch die drohende Erderwärmung als Folge des Klimawandels. Zudem ist vieles marode. Bei der Hochtief-Aktie beträgt meine Dividende 48 Prozent pro Jahr. Bald werden es 50 Prozent sein. Gebaut wird weiter. Auch wegen des Wohnungsmangels und steigender Ansprüche der Bewohner.

herMoney: Diese Aktien haben aber auch einen ordentlichen Kursgewinn eingefahren. Nehmen Sie den durch einen Verkauf auch mit?

Beate Sander: Nur kleine Teilverkäufe. Da wäre ich doch total bescheuert, wenn ich so ein Rennpferd verkaufe. Egal, ob die Aktie hundert oder 2000 Prozent Kursgewinn macht. Wie gesagt, meine besten Pferde bleiben im Stall.

herMoney: Okay. Nehmen wir an, ich brauche Geld. Vielleicht für eine Reparatur oder die Anzahlung für eine Wohnung. Was nehme ich her – Dividende oder Kursgewinn?

Beate Sander: Okay. Es kommt vor, dass man plötzlich Extra-Geld braucht. Das ist mir auch schon passiert. Dann trenne ich mich eben von ein paar Aktien. Und zwar bevorzugt von den Titeln, die vor sich hindümpeln. Oder ich entscheide mich für Teilverkäufe. Dividenden lege ich komplett in alte und neue gute Werte an.

herMoney: Werfen wir einen Blick auf Frauen und Männer. Konnten Sie Unterschiede beim Anlegeverhalten feststellen? Gibt es jemand, der besser investiert?

Beate Sander: Das können wir wie ein Fußballspiel sehen. Die Frauen sind verlässlicher. Sicher vorsichtiger, aber verlässlicher. Tor und 1:0 für die Frauen. Die Männer sind dagegen risikofreudiger. Tor für die Herren und 1:1. Dann geht es weiter. Frauen verlieren weniger Vermögen, weil sie nicht gleich mal Millionen riskieren mit Bitcoin oder Hebeln. Tor und 2:1. Und vorm Schlusspfiff schießen die Männer noch ein Tor, weil sie nur halb so viel Sparbücher haben wie Frauen. Sie gehen eher in Aktien und Fonds rein, pappen nicht so am Sparbuch. Endstand 2:2.

herMoney: Okay, ich bin überzeugt und möchte eine Aktie kaufen. Aber welche? Ich kann ja schlecht googeln „gute Aktie kaufen“.

Beate Sander: Doch, das können Sie. Aber Sie werden ewig brauchen, bis Sie vernünftige Infos zusammen haben. Besser Sie investieren 30 oder 35 Euro in ein gutes Börsenbuch und arbeiten es gründlich durch. An meinen Büchern habe ich tausende Stunden gearbeitet und anschauliche Beispiele eingebracht. Ich bringe Musterdepots und Modelle ein: Was mache ich mit 5.000 bis 100.000 Euro, wenn ich ein Angsthase bin? Was mache ich, wenn ich erfolgsorientiert oder risikofreudig bin? Was geschieht mit 100.000 Euro bei überraschendem Geldsegen, vor allem Erbschaft?

herMoney: Sie haben über 50 Bücher geschrieben. Welches Buch empfehlen Sie einem Neuling?

Beate Sander: Der „Börsenführerschein“ ist meiner Meinung nach gerade für Anfänger unverzichtbar. Das ist sozusagen das Grundmodell.

herMoney: Ganz anderes Thema, Frau Sander. Wie stehen Sie zum Thema Nachhaltigkeit bei der Geldanlage?

Beate Sander: Nachhaltigkeit in Gelddingen bedeutet ja heute, dass man den Kapitalismus anders interpretiert. Eine Firma denkt nicht mehr nur an das Aktionärswohl. Sondern sie ist sich auch ihrer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber bewusst. Ein Unternehmen muss sagen: „Unser Streben ist es, dass es den Mitarbeitern, der Region und den Lieferanten gut geht.“

herMoney: Und der Umwelt?

Beate Sander: Ja, dazu kommen wir jetzt. Nachhaltigkeit geht nämlich noch viel weiter. Gerade dank der ganzen neuen Bewegungen wie der von Greta. Wenn ich die Umwelt mit einbinde, geht es um Tier- und um Pflanzenwohl. Es geht darum, die Welt für die nächsten Generationen lebenswert zu machen. Dass ich auf jeden Fall alles tun muss, um etwa dem Klimawandel zu begegnen. Jedes Unternehmen für sich. Das eine kann zum Beispiel bei der Produktion mehr Wert auf erneuerbare Energien legen. Das andere macht Turnschuhe aus recycelten Fischernetzen. Wenn wir das nicht tun, haben unsere Kinder und Enkel keine gute Zukunft mehr.

herMoney: Und als potentieller Anleger kann ich mit welchen Einzelwerten zum Beispiel mitgehen?

Beate Sander: Es gibt Firmen, die so nachhaltig sind, dass selbst strengste Umweltschützer sagen, „die nehme ich“. Da könnte ich etwa Tomra Systems anführen. Oder bei Windkraft Vestas Wind Systems.  Wenn ich Solar möchte, nehme ich Solaredge – die macht sogar Gewinn. Oder auch immer gut ist UPM Kymmene, auch stark in der Dividende. Die sind Weltmarktführer für Papier in Skandinavien. Die fällen zwar Bäume, aber wenn die einen fällen, müssen die zwei pflanzen, also sofort wieder aufforsten.

herMoney: Das waren sehr nachhaltige Werte. Welche Aktien sind denn Ihrer Meinung nach interessant, die zum gewissen Teil nachhaltig sind?

Beate Sander: Unternehmen mit Kinderarbeit, Rüstungsindustrie, Diskriminierung von Frauen, Rauschgift und all das Zeug sollte man ablehnen. Sie kaufen dann zum Beispiel eine Adidas mit den Turnschuhen aus Fischernetzen. Oder eine Samsung. Denn Samsung gehört zu den ersten großen Konzernen, die gesagt haben: „Bei uns gibt es keinen Kunststoff mehr in der Verpackung.“ Die machen alles mit Papier und Pappe. Vielleicht sind die irgendwo anders nicht so nachhaltig. Aber da bin ich nicht zimperlich.

herMoney: Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit den Anlegern?

Beate Sander: Total wichtig. Ich habe auch gemerkt, dass Frauen Nachhaltigkeit viel wichtiger ist als Männern. Und jungen Frauen nochmals wichtiger als älteren. Die sollen das auch machen und dabeibleiben. Aber bitte nicht päpstlicher als der Papst sein oder meckern und schimpfen. Bewusst anlegen und auch bei sich selbst anfangen. Niemand muss seinen Salat mit Tofu als DHL-Lieferung bestellen.

Frau Sander, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Wer jetzt neugierig geworden ist und Aktien kaufen möchte, findet in unserem Artikel “Aktien ja – aber welche nur?” eine Übersicht wichtiger Kennzahlen. Börsen-Neulinge tun sich übrigens mit ETFs leichter. Was das ist? Lesen Sie es in unserem ETF-Übersichtsartikel nach. Konkrete ETFs für Einsteiger finden Sie hier.

 

Über Beate Sander:
Beate Sander ist als Kommentatorin, Moderatorin und Interviewpartnerin gefragt. Sie schreibt eine Kolumne für “bild.de” und ist Buchautorin.

 

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild: © Ines Baur

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