How to Portfolio

Nach Beate Sanders Tod führt ihr Sohn Uwe ihr Vermächtnis weiter. Welche Aktien er aktuell kauft und wovon er die Finger lässt.

Wer kennt sie nicht: Die Börsenmillionärin Beate Sander hat erst im Rentenalter angefangen, Geld am Kapitalmarkt zu investieren. Aus ihrem Startkapital von 30.000 Euro wurden innerhalb von 20 Jahren 2 Millionen. Ihr Wissen gab sie in vielen Büchern und Interviews weiter. Nach Beate Sanders Tod im letzten Jahr kümmert sich nun ihr Sohn Uwe Sander um ihr Depot. Er hat außerdem ihr letztes Buch zu Ende geschrieben. Was hat er von seiner Mutter gelernt? Welche Aktientipps kann er uns mit auf den Weg geben?

How to Portfolio

herMoney: Uwe, deine Mutter war Realschullehrerin, bevor sie ihre zweite Karriere an der Börse startete. Du selbst warst Wirtschaftskundelehrer und bist heute Dozent an einer Hochschule. Was kam zuerst, deine Leidenschaft fürs Lehren oder die Börse?

Uwe Sander: Zuerst war ich an der Politik, vor allem an internationalen Beziehungen und Demokratietheorie interessiert, aber auch an volkswirtschaftlichen Betrachtungen. Der Börse stand ich in den 90er Jahren noch ablehnend gegenüber. Ich dachte, das sei nur etwas für Snobs, reiche Golfspieler und Lacoste-Hemd-Träger.

Den Hype und den Niedergang der Telekom-Aktie habe ich ausführlich in meinem Unterricht thematisiert. Ich war überrascht, wie die Menschen teilweise blind dem Herdentrieb folgten und selbst bei Kursen von über 100 Euro noch einstiegen.

herMoney: Wann hast du deine Meinung geändert und bist doch an die Börse gegangen?

Uwe Sander: Nach einigen Börsenspielen, die ich an der Schule durchgeführt hatte, kaufte ich das erste Mal Aktien im September 2001. Damals verkauften zahlreiche Menschen ihre Wertpapiere und die Kurse rutschten immer weiter ab. Besonders übertrieben schien mir die Reaktion bei der Telekom-Aktie gewesen zu sein, die ich dann für gut 8,50 Euro pro Stück kaufte. Nach wenigen Wochen verkaufte ich sie wieder – für knapp 13 Euro. Insgesamt machte ich 1.000 Euro Gewinn.

herMoney: Inzwischen führst du das Vermächtnis deiner Mutter weiter. Sie hat die berühmte Hoch-Tief-Mut-Strategie erfunden. Kannst du sie kurz erklären?

Uwe Sander: Die entscheidenden Komponenten sind zum Beispiel eine langfristige Anlage und eine breite Streuung nach Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen. Was außerdem wichtig ist:  Statt Trends hinterherzulaufen, eher das zu tun, was der Mainstream nicht empfiehlt. Sinnvoll sind vor allem erste Teilverkäufe, wenn die Aktien im Laufe der Zeit um Zweidrittel oder mehr zulegen konnte.

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Ein anderer wichtiger Aspekt der Hoch-Tief-Mut-Strategie: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Trends erkennen, bevor Megatrends daraus werden. Ein Beispiel: Die Chancen der Elektromobilität sind in vielen Aktienkursen schon eingepreist (wie bei Tesla). Aber noch recht wenige machen sich Gedanken, wie später das Recycling von Akkus aus E-Autos organsiert wird (Beispiel: Umicore aus Belgien). Ein anderes Beispiel: Während Wasserstoff-Aktien gefragt sind, sehen wenige die Chancen, die sich für den Güterverkehr auf den Gleisen bieten. Ich denke hier nicht an Deutschland, sondern an die USA (Union Pacific).

Außerdem lohnt es sich, Krisen und Panikphasen gezielt für den Ein- und Zukauf zu nutzen. Dazu bedarf es entweder einer höheren Cashquote oder man schichtet Aktien in Crashzeiten bewusst um. Das funktionierte beim Corona-Crash besonders gut, weil dort nicht alle Aktien gleichermaßen abstürzten.

herMoney: Hast du immer schon nach der Strategie deiner Mutter investiert?

Uwe Sander: Meine Mutter hatte sehr klare Vorstellungen, was sie will und was nicht, das war in dieser Form sehr selten. Viele winden sich lieber in nichtssagenden verklausulierten Aussagen. Aber sie hat zwei Dinge kombiniert: erst intensiv recherchieren und dann die Dinge ohne Zögern anpacken. Dabei hielt sie sich nicht an konkrete Zahlen, sondern orientierte sich am Gesamteindruck aus Chart, KGV, Buchwert, Firmenhintergrund, Marktlage, Börsenpsychologie und vor allem Zukunftsfähigkeit. Das mache ich so ähnlich, wenngleich es mir noch nicht möglich ist, so viel Zeit in die Recherche zu stecken wie sie, da ich ja beruflich gebunden bin.

Viele behaupten, es sei unmöglich, als Kleinanleger den Markt zu schlagen. Aber meine Mutter bewies das Gegenteil – und zwar über 20 Jahre hinweg!

herMoney: Hast du Änderungen an ihrem Depot vorgenommen seit ihrem Tod?

Uwe Sander: Meine Mutter hat in ihrem Vermächtnis festgelegt, dass eine größere Anzahl an Personen zur Erbengemeinschaft gehört. Neben Kindern und Enkelkindern kamen beispielsweise auch Verlagsmitarbeiter*innen zum Zug. Das macht Sinn, denn ihr war es wichtig, dass sich niemand auf ihrem Geld ausruht, sondern jeder auch nach ihrem Tod fleißig bleiben soll.

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Bei den Enkelkindern ist die Erbschaft für Studium- und Ausbildungszwecke vorgesehen. Daher war klar, dass von den zwei Depots, die wir Kinder übertragen bekamen, einiges verkauft werden musste. Um die Architektur aufrecht zu erhalten, entschied ich mich in einem ersten Schritt, die Aktien jeweils auf die Hälfte zu reduzieren. So blieb von den gut 2 Millionen zunächst rund ein Viertel übrig.

herMoney: Wie sieht dein Depot heute aus?

Uwe Sander: Die Weiterentwicklung des Depots gehe ich behutsam an. Herausgeflogen sind nur die Tabak- und Ölaktien mit Ausnahme der „Biokraftstoffe“ (Verbio). Über 90 % bleiben drin, das sind derzeit fast 200 Einzelaktien mit einem durchschnittlichen Volumen von 2.000 Euro pro Stück und einige wenige ETFS.

Zugekauft habe ich als Erstes SAP, als die Aktien im Oktober unter 95 Euro fielen, dann weitere Value-Aktien wie Barclays, Linde und Siemens Energy. Aber auch kleinere Nebenwerte wie 2G Energy, Micro Focus International und Aktien aus China wie Lenovo und Bank of China sind jetzt mit dabei.

Teilverkauft habe ich ein Viertel Nemetschek im Dezember, die Hälfte der Wasserstoffaktien Anfang Januar und je ein Viertel einiger Corona-Gewinner wie Shopify und Sartorius.

herMoney: Du hast ein neues Buch veröffentlicht, dass du für deine Mutter zu Ende geschrieben hast. Es heißt „Die besten Aktien findet man nicht im DAX“. Was genau erwartet die Leserinnen?

Uwe Sander: Beate hatte nächtelang bis wenige Tage vor ihrem Tod an dem Buch gearbeitet und bereits über 100 Seiten fertig geschrieben. Dann habe ich mit dem Verlag telefoniert – und wir kamen schnell überein, dass ich das Buch fertigstelle. Das geschah natürlich unter enormen Zeitdruck, denn meinem Beruf ging ich ja weiter nach und es gab nach dem Tod sehr viel zu organisieren.

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Das Buch nimmt die Börsenanleger*innen mit auf eine Reise: über den DAX, in dem man ja durchaus gute Titel finden kann, über die DAX-Familie mit MDax, TecDAX und SDAX bis hin zu kleineren Börsenplätzen wie dem m:acccess und dem NASDAQ. Schließlich werden auch der Hang Seng Index aus Hongkong erwähnt, bei dem man viele chinesische Aktien handeln kann. Das Buch bietet immer auch Einblicke in Aktien aus unserem Depot.

Außerdem wird die Hoch-Tief-Mut-Strategie beschrieben und es werden zahlreiche Aktien gezeigt, sortiert nach Indizes und Branchen. Auch ETFs und Aktienfonds mit Berücksichtigung von Nebenwerten kommen vor. Das letzte Kapitel ist den Interviews gewidmet, die Beate bis kurz vor ihrem Tod gab.

herMoney: Deine Mutter war ein Fan von Dividenden-Aktien. Du auch?

Uwe Sander: Ja, Dividenden sind ein schönes Zubrot. Es fühlt sich fantastisch an, 3 oder 4 % pro Jahr zu bekommen und gleichzeitig vom Kursanstieg zu profitieren. Aber entscheidend ist die Gesamtperformance. Von daher stört es mich auch nicht, wenn manche Großunternehmen keine Dividenden auszahlen, sondern die Gewinne ins Unternehmen reinvestieren.

Gut finde ich zum Beispiel die Allianz, Münchner Rück, Linde, RWE und SAP aus dem TDAX und Hochtief aus dem MDAX.

herMoney: Small Caps, also kleine Firmen, sind Teil der Strategie. Welche Aktien aus diesem Bereich kaufst du aktuell?

Uwe Sander: Da bin ich derzeit zurückhaltend – wegen dem höheren Risiko und dem Recherche-Aufwand. Meine letzten Zukäufe waren hier Fiverr aus Israel und Micro Focus International.

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herMoney: Tech-Titel haben in den letzten Wochen Einbußen hinnehmen müssen. Sind sie weiter Favoriten für dich?

Uwe Sander: Sie gehören als wichtige Säule ins Depot, aber der Anteil darf nicht zu stark werden. Sonst entsteht ein „Klumpenrisiko“: Viele Werte sind zwischenzeitlich heiß gelaufen. Die Rücksetzer haben da eine wichtige Funktion, denn sie beugen einer Blasenbildung vor. Vor der gigantischen Blase, die bald platzen soll, habe ich übrigens überhaupt keine Angst. Ich habe ja auch schon gefühlt zwanzig vorhergesagte Weltuntergänge überlebt.

herMoney: Du schreibst im Vorwort, dass deine Gewinne aus nachhaltigen Aktienwerten beträchtlich sind. Welche Werte favorisiert du?

Uwe Sander: Viele nachhaltige Aktien sind derzeit trotz einiger Rücksetzer immer noch sehr hoch bewertet, daher warte ich da noch etwas ab mit weiteren Zukäufen. Im Depot sind NEL ASA und Power Cell trotz Teilverkauf, NORDEX, 2G Energy, Umicore und Union Pacific. Je nach Auslegung der ESG-Kriterien gehören auch Aktien wie BYD und NIO aus China dazu.

herMoney: Wie „grün“ bist du?

Uwe Sander: Also, meine Mutter und ich waren zusammen schwarz-grün, was in Baden-Württemberg ja nichts Ungewöhnliches ist. Und wir färbten aneinander ab: In Klimafragen „ergrünte“ sie zunehmend, während ich ein kleines bisschen bodenständiger wurde. Was wir aber beide nicht leiden können, ist Bevormundung und Gängelung. Es gibt also daher auch eine tiefverwurzelte liberale Komponente!

herMoney: Wie war es für dich, ein solches Vermögen zu übernehmen? Wie fühlt es sich an, Millionär zu sein?

Uwe Sander: Ich bin kein Millionär, da wir eine große Erbengemeinschaft sind. Aber wenn die Strategien meiner Mutter bei mir ähnlich gut funktionieren, ist nicht auszuschließen, dass ich vielleicht mal einer werde. Aber das wird man mir nie anmerken, da ich wie meine Mutter wenig Geld ausgebe und mein kleines Reihenhäuschen liebe.

herMoney: Vielen Dank für das Interview!

Die besten Aktien findet man nicht im Dax

 

 

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