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Wie werde ich Gründerin, Claire Siegert?

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Anne Connelly

5. April 2023

„Zuerst musst du deine Hausaufgaben machen,“ sagt Businettes-Co-Founderin Claire im Interview. Und sie gibt weitere Tipps fürs Gründen.

Viele träumen davon, ihre eigene Chefin zu sein, und ein eigenes Business zu starten. Am besten kann man sich ausprobieren, wenn man nebenberuflich gründet. Wie das funktioniert und wie man anfängt, erklärt Claire Siegert, Co-Founder & COO von Businettes, einem digitaler Start-up-Inkubator für Frauen, im Interview.

Du kannst sie übrigens auch persönlich treffen: Auf dem herMoney Festival am 06. Mai 2023 in München!

herMoney: Claire, wie geht es dir und noch viel wichtiger, wo bist du gerade?

Claire Siegert: Ich bin gerade in Nizza. Das ist der Vorteil als digitale Nomadin und als Selbstständige, dass man Privates und Berufliches gut verbinden und flexibel sein kann. Wir hatten hier am Wochenende eine Familienfeier. Daran habe ich noch eine Woche angehängt.

So manch einer beneidet dich für diesen Lifestyle als digitale Nomadin. 

Ich hatte diesen Wunsch schon sehr lange. Seit 2017 habe ich darauf hingearbeitet, dass es klappt. Im Jahr 2021 habe ich dann mein Köfferchen gepackt und bin losgegangen. Das bereue ich nicht.

Und wie machst du das ganz praktisch?

Mit dem Mythos vom Laptop am Strand möchte ich aufräumen. Auch wenn ich gerade bei Sonnenschein in Nizza bin – ich sehe morgens kurz die Sonne, aber wenn ich abends aus dem Haus komme, ist es auch schon dunkel. Ich weiß nicht, ob irgendjemand wirklich am Strand arbeitet. Es gibt dieses Bild von einer Person, die mit Laptop in einer Hängematte liegt. Da sieht man doch nichts im Bildschirm?! Für mich wäre das nichts. Ich brauche einen Schreibtisch und ein Arbeitsumfeld. Deshalb miete ich mich oft in Coworking-Spaces ein. Die Möglichkeit, nach Feierabend oder am Wochenende diesen neuen Ort zu erkunden und abseits vom deutschen Alltag zu leben, ist ein tolles Privileg.

Bist du alleine unterwegs? 

Unterschiedlich. Es gibt eine große digitale Nomaden-Community, auch mit regelmäßigen Konferenzen und eigenen Apps. Als ich zum Beispiel in Südafrika war, war dort eine Konferenz der Firma The Nomad Base. Dort kamen rund 300 digitale Nomaden aus der ganzen Welt zusammen. Das hilft dabei, eine Community zu finden. Ich habe auch ein paar Freunde, die zwar angestellt sind, aber von überall aus arbeiten können. Wir haben uns mal einen Monat lang zusammen ein Haus in Portugal gemietet. Ich gehe aber auch gerne mal alleine irgendwo hin.

Du bist selbst Gründerin der Businettes, einem digitalen Start-up-Inkubator für Frauen. Was hat euch veranlasst, diese Firma zu gründen?

Victoria, meine Businesspartnerin und langjährige Freundin, hatte die Idee schon direkt nach dem Studium im Jahr 2015: Sie hatte bemerkt, dass viele unserer Freundinnen kein Business gegründet haben, obwohl sie gute Ideen hatten. Die Männer in unserem Freundeskreis hingegen haben einfach damit begonnen. Da dachte sie sich, dass es doch toll wäre, wenn man eine Art Tinder für Gründerinnen hätte, wo man den Co-Founder matcht. Mit dieser Idee hat sie sogar den ersten Platz beim CLINIQUE Face Forward Award gewonnen. Dann war klar, dass sie die Idee nun auch wirklich umsetzen muss. Sie hat dann eine Website ins Leben gerufen, und war sich selbst ihre erste eigene Kundin. Ich habe meine Karriere in einem Unternehmen gestartet. Ende 2019 haben wir dann beide unseren Job gekündigt, weil wir Lust darauf hatten, gemeinsam unternehmerisch tätig zu werden. Dann haben wir mit Businettes richtig losgelegt – was dann viel mehr als die ursprüngliche Idee geworden ist.

Was genau macht Businettes?

Wir sind ein Online-Inkubator mit einem Programm, in dem man seine Geschäftsidee entwickeln kann. Wir haben eine Community mit fast 700 Gründerinnen aus dem deutschsprachigen Raum, die sich über unterschiedliche Themen der Gründung austauschen, sich gegenseitig Kontakte zu SteuerberaterInnen oder Coaches geben – was auch immer man eben braucht.

Mittlerweile haben wir auch Clubs in sechs verschiedenen Städten, wo sich die Frauen abseits vom Bildschirm treffen und vernetzen können. Das ist ein regelmäßiger Austausch, der einmal pro Monat stattfindet. Selbstständig zu sein bedeutet ja schließlich auch, viel Zeit alleine zu verbringen.

Damit wir dieses Angebot für unsere Gründerinnen so günstig wie möglich machen können, arbeiten wir auch mit Unternehmens-Partnern zusammen, die an unsere Vision glauben.

Viele treibt die Idee um, ihr eigenes Start-Up zu gründen. Manchen mangelt es an Ideen. Hast du Tipps, wie man zur Business-Idee findet? 

Manche träumen davon, überhaupt selbstständig zu sein, egal womit. Andere haben eine Idee und träumen davon, diese umzusetzen. Viele derjenigen, die noch keine Idee haben, fangen erstmal als Freelancer an. Das ist eine gute Möglichkeit, um reinzuschnuppern.

Um eine Geschäftsidee zu finden, kann man in seinem eigenen privaten oder beruflichen Umfeld schauen: Gibt es irgendwo Verbesserungsmöglichkeiten und kann daraus eine Geschäftsidee werden? Hat man ein bestimmtes Hobby, aus dem eine Geschäftsidee werden kann? Oder kann man sich, wie in meinem Fall, an eine andere Person dranhängen? Victoria hatte die Idee zu Businettes, und ich bin dann mit eingestiegen.

Worauf sollte man bei einer Gründungspartnerin achten?

Das ist wie in einer Partnerschaft. Viele vergleichen das Business ja auch mit einem Baby, und die Gründung mit einer Ehe. Das ist nicht so weit hergeholt. Man muss sich gut verstehen, sich auf Augenhöhe befinden, und miteinander harmonieren. Ja, Gegensätze ziehen sich an. Die eine ist vielleicht etwas praktischer veranlagt, die andere hat aber das große Ganze im Blick. Aber man braucht einen gemeinsamen Nenner und die gleiche Vision. Man sollte auch immer wieder überprüfen, ob das noch so stimmt: Laufen wir noch immer aus demselben Grund in dieselbe Richtung?

Augen auf bei der PartnerInnenwahl! Und darauf achten, dass der Vertrag stimmt.

Wenn man befreundet ist, ist es für viele komisch, einen Vertrag zu schließen. Aber das ist Quatsch. Man bindet nicht die Freundschaft vertraglich, sondern die Job-Beziehung. Das ist ein bisschen wie in einer Ehe. Wenn eine Ehe endet, gibt es vom Staat vorgesehene Regeln. Viele haben zusätzlich noch einen Ehevertrag. Genauso ist es bei einer Gründung: Es ist möglich, dass einer aussteigt. Das muss nichts Negatives sein oder im Streit enden. Die Lebensumstände können sich ändern, oder einer hat keine Lust mehr auf das Thema. Es ist wichtig, dass man das vorab klärt – bei Freunden, Geschwistern oder bei einem Lebenspartner.

Kannst du eine Geschäftsidee einer Frau aus dem Businettes-Netzwerk vorstellen?

Ein Beispiel ist Ivana aus Berlin mit ihrem Fashion-Start-Up „Wardrobe Affaire“. Es geht hier um das “Kleider Swapping”: Man mietet sich ein Kleidungsstück. Das ist nicht wie bei Kleiderkreisel, wo man einer Privatperson ein Kleidungsstück abkauft. Wenn man für ein Event, eine Hochzeit zum Beispiel, ein Kleid braucht, muss man das nicht kaufen, sondern kann es sich einfach mieten. Das Konzept ist viel nachhaltiger, als wäre es noch ein Fashionlabel! Ivana hat ein digitales Geschäftsmodell, aber mit einem nicht-virtuellen Produkt. Und kürzlich hatte sie auch ihren ersten Pop-up-Store in Berlin.

Angenommen, ich habe – wie Ivana – eine tolle Geschäftsidee. Wie geht es jetzt weiter und wie werde ich Gründerin?

Zuerst musst du deine Hausaufgaben machen. Deshalb haben wir auch unser Businettes-Programm ins Leben gerufen: Hier kannst du spielerisch Schritt für Schritt an deiner Geschäftsidee arbeiten. Wer ist genau deine Zielgruppe? Was ist deine Kunden-Persona? Wer sind die Wettbewerber? Wo positionierst du dich im Wettbewerb? Es ist wirklich wichtig, sich diese Fragen zu stellen. Damit einem klar wird, ob die Idee überhaupt Potential hat, und ob es einen Markt dafür gibt. Und damit man seine Idee auch potenziellen Partnern, Investoren oder Kunden zeigen kann.

Manche GründerInnen eröffnen sofort einen Instagram-Account, nachdem sie eine Idee hatten, und ballern den mit Inhalten zu, bevor sie sich erstmal richtig überlegt haben: Was biete ich genau an? Man ist gut beraten, wenn man einfach mit der Arbeit anfängt. Auch wenn es einem langweilig vorkommt, gibt einem ein Businessplan einfach eine Laufrichtung. Die Zahlen, die man einträgt, können natürlich erstmal Prognosen sein. Wenn man alleine gründet, hat man einen Leitfaden, an dem man sich entlang hangeln kann. Und wenn man mit jemandem zusammenarbeiten möchte, hilft es, dass sich diese Person auch ein Bild machen kann.

Wenn man in der Recherche feststellt, dass die Geschäftsidee doch kein Potential hat und man damit nie seine Miete bezahlen kann, sollte man sich überlegen, was man aus der Idee sonst noch machen kann. Die Gründer von Airbnb beispielsweise brauchten acht Jahre, bis sie davon leben konnten. GründerInnen müssen oft noch lange am Konzept schrauben, bis das Geschäft lukrativ wird. Man muss schließlich die Kosten decken, und auch – wenn man das als Vollzeitjob macht – davon leben können.

Wichtig: Bevor man sich in Unkosten stürzt, sollte man testen! Setze deine Idee im Kleinen mit wenig Budget um. Erstelle einen Prototyp und schau, ob das wirklich das ist, was die KundInnen brauchen. So kannst du Erfahrungswerte sammeln. Und stecke dir einen Rahmen. Nimm dir zum Beispiel einen Monat Zeit und ein paar hundert Euro Budget, um diesen Prototypen zu entwickeln.

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Wenn ich nebenberuflich gründe, kann ich das nur in Absprache mit meinem Arbeitgeber machen. Welches Vorgehen empfiehlt sich aus deiner Sicht?

Das kommt darauf an, in welcher Firma man arbeitet, und wie offen die Führungskräfte sind. Unserer Erfahrung nach nehmen das viele Führungskräfte aber positiv auf. Wichtig ist, dass man ihnen früh genug Bescheid gibt, damit sie nicht über fünf Ecken davon erfahren. Irgendwann kann man dann fragen, ob man die Stunden reduzieren kann. Wenn man Glück hat, unterstützt einen die Führungskraft sogar! Denn auch wenn man am Anfang noch kein GründungerInnen-Netzwerk hat. Man hat ja trotzdem ein Netzwerk: Leute aus der Uni oder aus dem Job. Es macht vieles einfacher, wenn die Leute um einen herum wissen, dass man gerade an einer Geschäftsidee arbeitet. Oft bekommt man viel mehr Unterstützung, als man ursprünglich gedacht hat.

Zum Gründen braucht man Zeit und Geld. Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es, und was empfiehlst du den Frauen?

Wenn man Vollzeit gründet – also seinen Vollzeitjob aufgibt – bekommt man wie jeder andere auch ein Jahr lang Arbeitslosengeld. In den ersten fünf Monaten kann man den Gründungszuschuss beantragen. So bekommt man sechs Monate lang Geld ihn der gleichen Höhe wie das Arbeitslosengeld, und einen Zuschuss von 300 Euro. Das ist interessant, weil man, wenn man arbeitslos gemeldet ist, permanent Bewerbungen abschicken und das auch nachweisen muss. Das Ziel des Arbeitsamtes ist schließlich, dass man wieder arbeitet. Sobald man den Gründungszuschuss bekommt, muss man nicht mehr nachweisen, dass man sich bewirbt. Das Arbeitsamt weiß dann, dass man gründet, und man fällt auch aus der Arbeitslosenstatistik raus.

Dazu kommt: Man kann ab diesem Zeitpunkt auch selbst Geld verdienen. Wenn man arbeitslos gemeldet ist, kann man nur einen kleinen Betrag zum Arbeitslosengeld dazu verdienen. Wer den Gründungszuschuss bekommt, kann theoretisch Millionen verdienen.

Wenn man nebenberuflich gründet, bekommt man diesen Zuschuss nicht. Hier kann man versuchen, einen Teil des Geldes, das man durch seinen Vollzeitjob bekommt, für den Start zu nutzen.

Und das ist auch eine persönliche Frage: Nehme ich einen Bankkredit auf, oder habe ich Ersparnisse?

Worauf muss ich beim Gründen aus rechtlicher Sicht achten?

Man muss auf jeden Fall beim Gewerbeamt das Gewerbe anmelden. Wenn man freiberuflich tätig ist, kann man das direkt beim Finanzamt melden. Ich würde jedem empfehlen, früh genug zu einem Steuerberater oder eine Steuerberaterin zu gehen. Der oder die kann einem dann dabei helfen, die richtige Gesellschaftsform zu finden. Aber um zu entscheiden, welche Gesellschaftsform oder welches Gewerbe man hat, muss man sich inhaltlich mit der Geschäftsidee auseinandersetzen: Ist es ein Huhn, oder ist es ein Turnschuh?

Zum Weiterlesen: Wie du einen Gewerbeschein beantragst, erfährst du hier. Mehr Artikel zum Thema Selbstständigkeit findest du hier

Den ersten Schritt vorm zweiten machen. Das raten wir auch immer! Angenommen, ich habe all diese Vorarbeiten gemacht. Ab wann sollte ich den Sprung ins kalte Wasser wagen und alles auf eine Karte setzen?

Vor diesem Sprung ins kalte Wasser haben sehr viele Angst. Deshalb ist es so attraktiv, nebenberuflich zu starten. In Deutschland starten 50 Prozent aller Gründungen so! Das ist gar nicht so schlecht, weil dadurch viele länger durchhalten. Eine Gründung ist ein Marathon und kein Sprint! Ich würde es dann wagen, wenn ich ein gutes Gefühl habe! Wenn ich an meiner Zielgruppe getestet habe, die wichtigsten Fragen beantworten kann und einen Plan habe, wie ich jeden Monat meine Miete bezahlen kann. Und: Welches Money Mindset habe ich? Mit welchem Grad an Unsicherheit komme ich zurecht?

Wie war das bei euch am Anfang?

Wir haben uns zu Beginn immer gefragt, wie es die anderen GründerInnen schaffen, ihre Miete zu bezahlen und ab und zu in den Urlaub zu fahren. Das kommt einem wahnsinnig vor! Aber man kommt Stück für Stück rein. Dann merkt man auch: Welchen Preis kann ich verlangen? Wie viele Arbeitsstunden schaffe ich? Wie sind die Spielregeln? Das ist wie in einem neuen Job, bei dem man sich auch erst einfinden muss.

Vielen Dank für das Interview! Wir sehen uns auf dem herMoney Festival am 06. Mai 2023 in München!

Zur Person: Claire kommt aus dem Marketing und Innovationsmanagement. Sie ist Co-Founder von Businettes, ein Online-Inkubator für Frauen und ihre Geschäftsideen. Sie ist Deutsch-Französin und seit 2021 eine Digitale Nomadin.

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Anne Connelly

Anne Connelly ist die Gründerin von herMoney und eine Pionierin und Top-Managerin der Investmentfondsbranche. Sie wundert sich bis heute, warum sich so wenige Frauen aktiv um ihre Finanzen kümmern und möchte das mit herMoney ändern.

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