Fußball spielen? Das ist doch was für Mädchen!

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Floriana Hofmann

14. Dezember 2022

Wie ist die Lage beim Fußball für Mädchen? Und warum investieren UnternehmerInnen und Privatpersonen in den Frauen-Fußball?

Eine Geschichte über den Spaß am Fußball, Gerechtigkeit und Frauen, die noch einen Schritt weiter gehen.

Es ist frostig an diesem Nachmittag im Dezember, der Himmel ist klar und sonnig. Auf dem Kunstrasenplatz im Münchener Stadtteil Neuhausen liegen bunte Hütchen, Reifen und ein Dutzend Fußbälle. Rund 20 Mädchen spielen hier zusammen Fußball, in langen Sporthosen und ausgestattet mit Thermoskannen voller Tee.

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Ein Vereinstraining ist das nicht, sondern ein Training der Initiative „Mädchen an den Ball“. Hier gehe es nicht darum, die beste Spielerin zu sein, erzählt Martin Strnad. „Alle haben Spaß, darum geht’s.“ Strnad ist einer von drei TrainerInnen, die einmal pro Woche auf Honorarbasis auf dem Platz stehen und meist 20 bis 25 Mädchen trainieren. „Die Jüngste ist vor kurzem sechs geworden“, erzählt er. Die Älteren seien 15.

„Das macht die Mädchen stark“

Im Fokus steht hauptsächlich die soziale Komponente: „Die Mädchen spielen zusammen, miteinander und nicht gegeneinander“, sagt Strnad. „Das macht die Mädchen stark.“

Der Platz selbst gehört dem „FT München-Gern“, ein reiner Jungsverein. Dort spielten vereinzelt auch Mädchen. „Aber die werden nicht speziell gefördert.“ Anders bei „Mädchen an den Ball“.

„Mädchen an den Ball“ ist ein gemeinnütziger Verein der Jugendhilfe, der seit 2007 Mädchenfußball organisiert. In München gibt es 15 Standorte, einer davon im Familienviertel Neuhausen. In der Hochsaison, im Sommer, kämen pro Monat bis zu 1.200 Mädchen, erzählt Projektleiterin Anna Seliger. Das Training ist außerdem kostenlos und findet regelmäßig – bis zu 50-mal pro Jahr – statt.

„’Mädchen an den Ball’ ist ein sozialpädagogisches und sportpädagogisches Projekt, das Empowerment in den Mittelpunkt stellt. Es geht darum, Mädchen Möglichkeiten der Selbstermächtigung zu geben“, sagt Seliger. Und sie geht noch einen Schritt weiter: „Es ist ein feministisches Projekt. Wir müssen anerkennen, dass unsere Gesellschaft patriarchalisch ausgerichtet ist. Daran muss sich etwas ändern und es muss letztlich darum gehen, Mädchen die gleichen Chancen zu geben und ihnen die gleichen Möglichkeiten zu bieten, sich gesellschaftlich zu beteiligen.“

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Die Beteiligung von Mädchen im Fußball entwickelt sich seit einiger Zeit denkbar schlecht: Seit 2010 hat sich die Anzahl der Mädchenmannschaften etwa halbiert. Diese Zahl findet man beim Deutschen Fußballbund (DFB). „Der Mädchenfußball liegt am Boden“, sagt Seliger.

Dafür gebe es verschiedene Gründe, erzählt Seliger: „Es gibt zu wenig finanzielle Mittel, nicht ausreichend Trainingsangebote für Mädchenfußball. Es mangelt an Mädchenfußballgruppen in den Vereinen. Wenn sie kleiner sind, können Mädchen oft nur in gemischten Gruppen spielen. Das wollen die Mädchen aber häufig nicht. Insgesamt sind es soziologische, gesellschaftspolitische und Gründe im Bereich der Erziehung, die dazu führen, dass Mädchen sich oft weniger für Fußball interessieren. Und es gibt stadtplanerische, raumplanerische Ursachen dafür, dass Mädchen im öffentlichen Raum wenige Beteiligungsmöglichkeiten haben. Ob Sport oder Treffpunkte. In München gibt es aktuell nur zwei Mädchentreffs. In Ballungsräumen mangelt es an Orten im Außenbereich, an denen Mädchen sich wohlfühlen, die mädchengerecht geplant und gebaut sind. Die Mädchen werden zudem auf den wenigen Freiflächen, auf den Bolzplätzen, im Schulsport oder auf dem Schulhof oft von den Jungen verdrängt.“

Und das, obwohl die Mädchen gegenüber den Jungs einen „Standortvorteil“ hätten, wie Seliger berichtet: „Mädchen haben viele verschiedene Talente und Begabungen.“ Das werde beim Fußball deutlich: „Fußball ist nicht nur Draufhauen, nicht nur Kraft und Schnelligkeit, sondern Taktik und Teamplay. Man muss schauen, wie sich der Spielverlauf entwickelt, wie der Gegner handelt. Sich abstimmen, nonverbal austauschen können, ein Team bilden. Schnelles Stürmen und Rennen aufs Tor generiert noch keine Weltmeister, wie die aktuelle WM der Männer zeigt. Es geht damit nicht nur um körperliche Faktoren, bei denen die Jungen vorne sind, sondern um soziale und gruppendynamische Faktoren. Diese wurden jedoch bisher zu wenig wissenschaftlich untersucht.“

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Das will Seliger gemeinsam mit der Abteilung Sportpädagogik an der Ruhr-Universität Bochum ändern, die „Mädchen an den Ball“ wissenschaftlich begleitet. Eine Studie der Uni Würzburg kam bereits 2015 zu dem Schluss: „Bei der Koordination und Beweglichkeit besteht Gleichstand oder Überlegenheit der Mädchen.“

Insgesamt gebe es noch immer nicht ausreichend Fördermaßnahmen für Mädchen, so Seliger: „Zu wenig Hallen, zu wenig Plätze, zu wenig Sportzentren für Mädchen. Zu wenig Geld.“

Über die Gerechtigkeit

Die strukturellen Probleme im Fußball kennt auch Luisa Dormeyer, Trainerin der „Westend Girls“ in München. Bei dem Verein „Westend United“ können Mädchen seit 2015 in reinen Mädchengruppen Fußball spielen und werden ausschließlich von Frauen trainiert. „Wir können als kleiner Verein unseren Beitrag dazu leisten, dass wir diesen Safe Space anbieten. Wir merken, dass es auf jeden Fall eine Nachfrage gibt. Aber die wichtigen Entscheidungen müssen von oben getroffen werden.“

Sie hat eine klare Forderung an den DFB: „Spielstätten freigeben, auch für die Frauen.“ Ein wichtiger Schritt sei gewesen, dass Anfang Dezember das Frauen-Team des „FC Bayern München“ in der Allianz Arena in der Champions League spielen konnte.

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Aber auch nur ein Schritt: Am Wochenende seien – bei den Profis wie auch bei den Amateuren – die Plätze größtenteils für die Männer- oder Jungs-Teams reserviert. Und: Die Profifußballerinnen müssen oft nebenher normalen Jobs nachgehen, weil sie vom Fußball nicht leben können. „Das ist eine Benachteiligung, die einfach nicht gerecht ist“, sagt Dormeyer: „Es ist inzwischen nicht mehr ganz so, dass die Menschen ausschließlich den Männer-Fußball sehen wollen.“ Das letzte Spiel der deutschen Herren-Mannschaft bei der WM in Katar hatte sogar weniger ZuschauerInnen (17,43 Millionen) als das EM-Finale der Frauen (17,89 Millionen).

Die Erfolge der Nationalmannschaft bei der Fußball-EM und Spiele wie das in der Allianz Arena sorgen dafür, dass der Frauenfußball in Deutschland sichtbarer wird und sich immer mehr Mädchen für Fußball interessieren. Gerade durch die WM 2019 und auch durch die EM habe es bei den „Westend Girls“ einen Mitgliederzuwachs gegeben.

Das zeigt: Sichtbarkeit macht einen Unterschied. Bis vor kurzem gab es für Mädchen, die Fußball spielen wollten, hierzulande wenig Vorbilder. Das ändert sich mittlerweile.

Anders übrigens in den USA: Dort gilt Fußball als Mädchensport. Im Profibereich setzten die Fußballerinnen nach einem jahrelangen Streit durch, die gleiche Bezahlung wie die Männer zu erhalten. Zuletzt wurde der US-Frauenfußball allerdings von einem Skandal erschüttert: In den vergangenen Jahren wurden mehrere Vorwürfe von sexuellem Missbrauch publik.

Investment in Viktoria Berlin

Für positive Schlagzeilen, für Sichtbarkeit, sorgte zuletzt der Viertligist Viktoria Berlin: Im Juni 2022 gaben die zweimalige Fußball-Weltmeisterin Ariane Hingst und die Geschäftsfrauen und Gründerinnen Verena Pausder, Tanja Wielgoß, Felicia Mutterer, Katharina Kurz und Lisa Währer bekannt, das Frauenteam des FC Viktoria Berlin zu übernehmen.

Das Ziel: Innerhalb von fünf Jahren in die Bundesliga. Der Medienrummel in der Zeitung und auf sozialen Medien wie LinkedIn: groß!

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Aber was steckt dahinter? herMoney fragt nach bei Katharina Kurz, die neben ihrer Arbeit für Viktoria Berlin Mitgründerin der Craft-Bier-Marke-BRLO ist. In ihrem Biergarten in Berlin veranstaltete sie erstmals 2019 bei der Frauen-WM ein Public Viewing. „Das war ein voller Erfolg, ein tolles, positives Fußballfest.“ Und sie geht gemeinsam mit ihrer Mitgründerin Felicia noch einen Schritt weiter: „Wir wollen den Frauenfußball positiv aufladen und ganz selbstverständlich machen“, erzählt sie. „Es ist doch ungerecht, dass man immer, wenn man an Sport in Berlin denkt, nur Männer-Mannschaften im Kopf hat. Und für Fußball schlägt unser beider Herz.“

So kamen die beiden auf die Idee, einen Verein der Regionalliga zu überzeugen, das Frauenteam in eine eigene GmbH auszugründen. Vorbild war der Angel City FC aus Los Angeles: Ein neu gegründetes Frauen-Fußballteam mit prominenten Investorinnen wie etwa Schauspielerinnen Eva Longoria und Natalie Portman und die Tennisspielerin Serena Williams. „Eine tolle Mischung aus Silicon Valley, Hollywood, Sport“, sagt Kurz. „Frauen, aber auch Männer, die sich hinter ein Team stellen.“

Auch bei Viktoria Berlin kommt dieser „Netzwerk-Gedanke“ zum Tragen. Kurz und die weiteren fünf Frauen aus dem Gründungsteam trommelten weitere InvestorInnen aus ihrem Netzwerk zusammen: Insgesamt stecken 87 Menschen – darunter Prominente wie die ehemalige Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch, die Komikerin Carolin Kebekus, die Choreografin Nikeata Thompson, die Moderatorin Dunja Hayali oder die Unternehmerin Lea-Sophie Cramer, aber auch andere eine Million Euro in das Team. „Das hat echt gut geklappt: Es hat oft nochmal jemand angerufen und gesagt, ich hätte da noch eine Freundin, die selbst spielt oder das total super findet und auch gerne investieren möchte.“

Dreiviertel der Viktoria-InvestorInnen sind weiblich: „Es war uns ganz wichtig, dass es mehrheitlich von Frauen finanziert ist“, sagt Kurz. „Sonst hast du wieder das gleiche Spiel wie überall: An der Spitze sind vielleicht Frauen, aber das Kapital dahinter ist männlich.“ Auf das schnelle Geld seien die InvestorInnen dabei nicht aus: „Alle, die investiert haben, sehen eine Bewegung und einen gesellschaftlichen Purpose dahinter. Aber gleichzeitig sind alle auch überzeugt, dass es ein gutes Investment ist.“

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Viele der InvestorInnen kämen auch selbst zu den Heimspielen: „Das ist eine ganz andere Atmosphäre, als wir das von einem Bundesliga-Männerspiel gewohnt sind: Total entspannt und es macht richtig Spaß.“ Früher habe es nur rund 30 ZuschauerInnen gegeben. Mittlerweile seien es bei Spitzenspielen schon mal 2.000. „Zuschauer müssen wir erst noch entwickeln. Es wird noch dauern, bis wir richtig Einnahmen aus den Heimspielen generieren können“, sagt Kurz.

Die Haupteinnahmequelle derzeit sei das Sponsoring. Hier haben die Unternehmerinnen durch ihr Netzwerk ebenfalls einen Vorteil. So prangen auf den Trikots der Viktoria-Spielerinnen die Logos von dem Job-Vermittler Stepstone und der Drogeriekette Douglas. „Für die Regionalliga der Frauen ist das eigentlich unüblich.“ In Zukunft möchten sie noch weitere Einnahmequellen generieren – durch Merchandising, Mediendeals und Kooperationen. „Das Ziel ist, eine ‚Love Brand‘ um Viktoria und den Frauenfußball zu entwickeln.“ Unter „Love Brands“ versteht man Marken, die von den KundInnen „geliebt“ werden, also positive Gefühle wecken und eine extrem starke Anziehungskraft innehaben.

Durch diese Aufmerksamkeit für Viktoria Berlin und den Frauenfußball soll sich auch strukturell etwas ändern: „Da muss also ein Umdenken in den Vereinen erfolgen, dass die Mädchen- und Frauenabteilungen nicht so gesehen werden als: Ach ja, das haben wir auch, aber das darf nicht zu viel kosten. Sondern dass beides ganz selbstverständlich auf eine Ebene mit dem Männerfußball gestellt wird.“

Du spielst Fußball? Cool!

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Vorurteile gegen Frauen- und Mädchenfußball gab es und gibt es viele, erzählt auch Westend-Girls-Trainerin Dormeyer: „Als wir angefangen haben, hatte ich ein Mädchen, die ist immer gekommen, obwohl ihr Vater das ganz schrecklich fand, dass sie Fußball spielen will.“ Mittlerweile habe sich das aber verändert. „Das ist auch dem geschuldet, dass der professionelle Frauenfußball mehr in der Gesellschaft angekommen ist und mehr Anerkennung bekommt.”

Auch heute gebe es zwar noch Jungs, die zu den Mädchen sagen. ,Du spielst Fußball? Ein Mädchen kann doch überhaupt nicht Fußball spielen?’ Aber immer öfter finden die Jungs es cool, wenn die Mädchen auch Fußball spielen.“

Viele Mädchen haben selbst Vorbehalte, mit Jungs zu spielen. Das wird auch in München-Neuhausen bei „Mädchen an den Ball“ klar. Auf die Frage, warum sie nicht in einem gemischten Team spielen wollen, lachen zwei Spielerinnen: „Von wegen gemischt, da sind doch zu 90 Prozent Jungs.“ Aber dann zucken sie mit den Schultern und sagen: „Wir sind lieber unter uns.“

herMoney Tipp

Vielleicht hast du dich zu Beginn dieses Artikels gefragt: Was hat herMoney mit Fußball zu tun? Die Antwort: Fehlende Angebote für Mädchen, für Frauen, sehen wir auch im Finanzbereich. Das war übrigens auch ein Grund, warum Anne Connelly 2017 herMoney gegründet hat. herMoney möchte für Frauen ein Angebot schaffen, sich unabhängig von Männern mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen.

Dazu kommt auch für uns die Sache mit der Gerechtigkeit: Der Zugang zum Fußball ist niederschwellig. Ein Ball und passende Schuhe sind nicht wirklich teuer. Bei anderen Sportarten, die man eher Mädchen zuschreibt, wie Reiten oder Tennis, kann die Ausrüstung schnell mal mehrere 100 Euro kosten – pro Jahr. Das ist nicht für jede Familie so einfach zu stemmen.

Wenn auch du dich aktiv dafür einsetzen möchtest, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu geben: In nahezu jedem Ort in Deutschland gibt es einen Fußballverein. Aber auch einen Mädchen-Verein? Meist kann man sie durch Spenden unterstützen.

Artikelbild: Archivmaterial

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Floriana Hofmann

Die Finanzjournalistin Floriana Hofmann ist Content Lead bei herMoney. Sie schreibt seit mehreren Jahren für Finanzmedien über Aktien und Börsenthemen. So war sie etwa beim Finanzen Verlag als "Leitung Digital" für die Online-Redaktion von "Börse online" und "Courage" verantwortlich.