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Kinder-Policen: Nur kein Übereifer!

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Birgit Wetjen

Autorin

18. Oktober 2018

Das Beste für mein Kind – für Risikoabsicherung greifen Eltern tief in die Taschen. Doch nicht jede Police macht wirklich Sinn.

Der Nachwuchs ist kaum auf der Welt, da liegen schon die Angebote auf dem Tisch. Krankenhauszusatz-Versicherung, Ambulanz-Plus, Unfall- oder Ausbildungsversicherung: Alles für das Neugeborene. Denn nach der Geburt eines Kindes sind Eltern besonders empfänglich – für Begeisterung, aber auch für die Wahrnehmung von Risiken. „Eltern sind vielfach überbesorgt – und Omas und Opas gleich mit“, weiß Bianca Boss, Sprecherin beim Bund der Versicherten. Die Versicherungswirtschaft hat sich längst darauf eingestellt und hält viele Angebote bereit – ein boomendes Geschäft. Um es kindgerecht an die besorgten Alten zu bringen, kommen die Assekuranzen gar mit Produkten wie Biene-Maja-Kindervorsorge, Tip-Top-Tabaluga-Rundumpaket oder Fix & Foxi-Geschenkpolice daher. „Die Pakete versprechen einen komfortable Rundum-Versorgung“, weiß Boss. Aber rechnet sich das auch? Was Sie wissen und beachten sollten, bevor Sie einen Vertrag unterschreiben, haben wir für Sie zusammengestellt.

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1. Nur gegen die Risiken absichern, die Sie finanziell ruinieren können!

Im Umgang mit Risiken sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Versicherungswirtschaft bietet Policen für jede Eventualität. Aber nicht jede Absicherung macht auch Sinn. Sehhilfen etwa benötigen Neugeborene in den seltensten Fällen. Auch gerne angeboten: Geräteversicherungen, wie etwa eine Versicherung, die unter anderem bei Verlust des Handys zahlt. „Rausgeschmissenes Geld“, sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW. Denn zum einen wird im Schadenfall nur der Zeitwert ersetzt. Zum anderen ist der Schaden meist überschaubar und lässt sich aus eigener Tasche regulieren.

Anders sieht es aus, wenn durch eigenes Verschulden oder das Verschulden der Kinder andere zu Schaden kommen oder gar zum Pflegefall werden. „Dann geht der finanzielle Schaden schnell in die Millionen“, so die Verbraucherschützerin. Eine Privathaftpflicht, die dann einspringt, ist deshalb für jeden Pflicht – auch ohne Kinder. Die Police ist nicht teuer, ein Rundumschutz für die ganze Familie ist schon für knapp 60 Euro im Jahr zu haben. Versicherungsexperten vom „Bund der Versicherten“ und den Verbraucherzentralen empfehlen eine Deckungssumme von mindestens fünf Millionen Euro zu versichern.

Kinder unter sieben Jahren gelten übrigens per Gesetz als deliktunfähig und sind nicht automatisch mitversichert. Doch einige Anbieter haben ihre Tarife um den Schutz deliktunfähiger Kinder ergänzt. Es empfiehlt sich, vor dem Abschluss auf den Zusatzschutz zu achten!.

2. Eine gute Absicherung der Eltern ist der beste Schutz für das Kind!

Alles für das Kind. Was aber, wenn ein Elternteil – oder im schlimmsten Fall beide – durch Krankheit oder Tod als Ernährer ausfällt? Vor dem emotionalen Schmerz schützt den Nachwuchs keine Versicherung, wohl aber vor den finanziellen Folgen. Bei kleineren Kindern werden Betreuungskosten entstehen; auch soll genug Geld für eine gute Ausbildung bleiben. Die Risikolebensversicherung ist deshalb für junge Familien (und auch für Alleinerziehende eine der wichtigsten Versicherungen. Die Police ist günstig zu haben und sichert die Hinterbliebenen im Todesfall finanziell ab. Die Versicherungssumme sollte das Drei- bis Fünffache des Jahresbruttoeinkommens betragen, die Laufzeit mindestens bis zur Volljährigkeit der Kinder gehen. Wenn noch ein Kredit  für die Immobilie abbezahlt werden muss, macht es Sinn, die Versicherung bis zur voraussichtlichen Tilgung der Schuld laufen zu lassen.

„Vor dem Abschluss sollten Versicherungsnehmer darauf achten, dass eine Nachversicherungsgarantie bzw. Dynamik besteht, die Versicherungssumme also ohne erneute Gesundheitsprüfung aufgestockt werden kann“, rät Verbraucherschützerin Weidenbach. Die Preise für gleiche Leistungen variieren in der Risiko-LV enorm. Deshalb unbedingt Angebote vergleichen!

Zusätzlich empfehlen Verbraucherschützer den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU), die in jungen Jahren abgeschlossen werden sollte. Sie springt ein, wenn der Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausgeübt werden kann. Die gesetzliche Absicherung ist in solch einem Fall bei weitem nicht ausreichend – bei Berufsunfähigkeit des Hauptverdieners droht ohne private Absicherung sehr schnell der soziale Abstieg der ganzen Familie. Auch bei dieser Police gilt: auf Nachversicherungsgarantie achten und Angebote genau vergleichen!

3. Risikoschutz und Vermögensaufbau trennen!

Ob Ausbildungsversicherungen oder Rundum-Pakete: Die Kombination von Risikoschutz und Sparen ist nicht nur für Eltern, sondern auch für Großeltern verlockend. Empfehlenswert ist sie nicht. „Hinter den Angeboten verbergen sich meistens klassische Kapital-Lebensversicherungen“, weiß Bianca Boss. Das heißt: Die Kosten für die Absicherung sind hoch, der Sparanteil ist niedrig. Und der Gesamtbetrag wird im Zinstief zudem nur mit mageren 0,9 Prozent (Garantiezins) verzinst – die Verzinsung des Sparanteils ist somit bei fast Null! „Unter dem Strich rechnet sich das nicht“, so ihr Fazit. Ihre Empfehlung: „Eltern sollten sich genau überlegen, welches Ziel sie verfolgen wollen und Risikoschutz und Geldanlage voneinander trennen.“ Risiken sind zum Beispiel per Risikolebensversicherung (siehe oben) günstiger abgesichert als im Kombi-Paket. Und wer für die Ausbildung des Kindes Geld ansparen will, ist mit Fonds- oder ETF-Sparplänen nicht nur flexibler aufgestellt, sondern kann auch auf eine deutlich höhere Verzinsung hoffen. Zwar schwankt der Wert von Aktieninvestments, aber über lange Anlagezeiträume sind die Risiken minimal. Dabei gilt: Auf die Kosten der Geldanlage achten und die Investments breit streuen!

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4. Absicherung bei Unfall und Invalidität: Gut abwägen!

Die Folgen eines Unfalls können teuer werden; vor allem, wenn das Kind bleibende Behinderungen davonträgt. Der gesetzliche Schutz reicht dann nicht aus, um Umbauten zu finanzieren, dem Kind eine lebenslange finanzielle Sicherheit zu garantieren oder gar eigene Einkommensausfälle zu kompensieren, die durch die Betreuung entstehen. Deshalb empfehlen Assekuranzen oft den Abschluss einer Unfallversicherung. „Doch ein Unfall ist nur in 0,3 Prozent der Fälle Ursache einer Schwerstbehinderung von Kindern“, weiß Elke Weidenbach. In 60 Prozent der Fälle dagegen sind Krankheiten die Ursache für bleibende Schäden oder Invalidität – und das ist bei Unfallversicherungen nicht mitversichert. Wer sein Kind auch vor den Folgen von Krankheiten absichern möchte, benötigt deshalb eine Kinder-Invaliditätsversicherung. Diese Police ist mit Jahresbeiträgen zwischen 300 und 500 Euro aber auch deutlich teurer. „Ob eine Versicherung Sinn macht, muss jeder selbst entscheiden – und er muss sicher sein, sie auch durchgängig bezahlen zu können“, so Weidenbach.

5. Krankenversicherung ist Pflicht, Zusatzversicherungen sind meistens verzichtbar!

Die Krankenversicherung gehört zu den Pflichtversicherungen in Deutschland, auch für Neugeborene, die zwei Monate nach der Geburt angemeldet werden müssen. Ob privat oder gesetzlich versichert, hängt vom Versicherungsstatus der Eltern ab. Sind sie in der Gesetzlichen versichert, greift die Familienversicherung – das Kind ist automatisch mitversichert. Eine Privatpolice oder ein eigener Beitrag in der Gesetzlichen wird fällig, wenn der Hauptverdiener privat versichert ist.

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Neben der Grundversicherung bieten die Assekuranzen eine Reihe von Zusatzversicherungen für Kinder. Ob Krankenhaus-Zusatzversicherung oder ambulanter Premiumschutz: Diese Policen sind oft verzichtbar. Behandlungen durch Heilpraktiker etwa, die in ambulanten Zusatzpolicen enthalten sind, bieten auch zahlreiche gesetzliche Kassen. Und Leistungen – wie etwa bei Zahnbehandlungen – benötigen Neugeborene nicht. Der Abschluss von Zahnzusatzversicherungen macht nach Einschätzung von Versicherungsexperten in der Regel erst ab 40 wirklich Sinn.

6. Vorhandenen Schutz prüfen und anpassen!

Bei vielen Versicherungen wie Rechtschutz, Haftpflicht, Hausrat, Auslandsreise-Krankenversicherung sind Kinder über die Eltern mitversichert, so lange sie minderjährig bzw. noch in der Ausbildung oder im Erst-Studium und unter 25 sind. Versicherungsexpertin Weidenbach empfiehlt, bei der Assekuranz nachzufragen und gegebenenfalls aufzustocken, falls kein Familienschutz besteht.

Und dann nicht vergessen, die Policen regelmäßig zu checken. „Nach der Geburt eines Kindes sind Eltern oft übereifrig. Weniger aufmerksam sind sie dagegen, wenn es später um die Anpassung des Versicherungsschutzes geht“, weiß Bianca Boss vom Bund der Versicherten aus Erfahrung. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung für das Kind etwa sollte in jungen Jahren abgeschlossen werden – bereits  in der Oberstufe oder spätestens zu Ausbildungs- oder Studienbeginn. Denn für diese Police gilt: Je jünger und gesünder der Versicherte, desto günstiger die Police!

Auch lohnt es sich, bestehende Sachversicherungen regelmäßig zu überprüfen. „Neuere Tarife bieten oft mehr Leistungen oder werden bei gleichen Leistungen günstiger angeboten“, sagt die Spezialistin.

herMoney-Tipp:

Viel hilft viel – vor allem den Anbietern der Policen. Statt Ihren Emotionen zu folgen („Alles für mein Kind!“), überlegen Sie ganz genau, welchen Versicherungsschutz Ihr Kind tatsächlich benötigt. Eventuell macht es mehr Sinn, für Ihren Nachwuchs per Fonds- oder ETF-Sparplan mit dem Vermögensaufbau zu beginnen, als teure Zusatzpolicen abzuschließen!

Dieser Artikel der Autorin ist zuerst in der BRIGITTE veröffentlicht worden.

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Birgit Wetjen

Autorin

Birgit Wetjen ist Volkswirtin, Finanzjournalistin und Buchautorin. Sie ist überzeugt: Geldanlage ist nicht weiblich oder männlich – aber Frauen haben Berührungsängste und gehen anders an Geldthemen ran.

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