EZB hebt die Zinsen weiter an

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Floriana Hofmann

8. September 2022

Um die extrem hohe Inflation zu bekämpfen, hebt die Europäische Zentralbank erneut die Leitzinsen in der Eurozone an. Hintergründe und Aussichten.

Elf Jahre lang tastete die Europäische Zentralbank die Leitzinsen nicht an – nun hob Chefin Christine Lagarde gleich zum zweiten Mal in Folge die Leitzinsen an. Und dann auch so stark wie nie zuvor.

Aber der Reihe nach. Der EZB-Rat, dem Lagarde vorsitzt, beschloss am 8. September 2022, den Leitzins in der Eurozone um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent anzuheben. Der Leitzins ist wichtig, weil sich Geschäftsbanken zu diesem Wert frisches Geld bei der Notenbank leihen können.

Diesen Zins geben die Banken bei der Kreditvergabe weiter – was die Schuldentilgung verteuert. Das spüren beispielsweise Häuslebauer, die eine höhere Finanzierung stemmen müssen. Aber auch für Unternehmen wird es teurer zu investieren.

Deshalb verzichten Firmen und Privatpersonen häufiger auf Investitionen – sie können sich die höheren Zinsen schlicht nicht mehr leisten. Dieser Effekt kann dann die Konjunktur abwürgen. Die Konjunktur, die sich wegen hoher Rohstoffpreise, Sorgen um die Energieversorgung und geopolitischer Unsicherheiten sowieso schon an der Schwelle zur Rezession befindet.

Warum die EZB die Zinsen anhebt

Warum dann jetzt dieser Mega-Zinsschritt? Bei der Sitzung Ende Juli hatte Lagarde noch angekündigt, dieses Mal die Zinsen lediglich um 0,5 Prozentpunkte anzuheben. „Die EZB hat es nicht leicht“, sagt auch Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba.

Der Grund: Die hohe Inflation. Die Aufgabe der Notenbank ist es, die Preise stabil zu halten. Dafür strebt sie eigentlich eine Teuerung von zirka zwei Prozent pro Jahr an. Steigende Zinsen können der hohen Inflation, wie wir sie momentan erleben, entgegenwirken.

Inflation auf Rekord

Und das wäre auch dringend nötig: Im gesamten Euroraum lag die Inflation im August bei 9,1 Prozent – so hoch, wie nie zuvor. Ursächlich dafür sind steigende Preise im Energie- und Lebensmittelsektor – die VerbraucherInnen direkt im Supermarkt, beim Bäcker oder an der Zapfsäule bemerken.

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Und auch in den nächsten Monaten dürften die Preise weiter steigen. Davon gehen mittlerweile nicht nur ÖkonomInnen aus, sondern auch die Währungshüter. Für das gesamte Jahr 2022 rechnet die EZB mit einer Inflation von 8,1 Prozent. Im Juni hatte sie noch 6,8 Prozent erwartet. Im kommenden Jahr dürfte die Teuerungsrate bei 5,5 liegen. Die Prognose für 2023 hatte vor drei Monaten noch bei 3,5 Prozent gelegen. Erst 2024 dürften sich die Preissteigerungen mit 2,3 Prozent wieder in ruhigerem Fahrwasser befinden.

Die 1,25 Prozent dürften auch noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. EZB-Chefin Lagarde kündigte außerdem an, die Zinsen in den nächsten Monaten weiter anzuheben. Wie hoch genau, das ist aber unklar. „Es wird eine weitere Normalisierung in Aussicht gestellt, wobei die Währungshüter in Abhängigkeit der Datenlage entscheiden wollen“, so Traud. „Daher ist unklar, wie der Zinspfad in den kommenden Monaten und Quartalen aussehen wird.“

Neben den Leitzinsen entscheidet die EZB auch über den sogenannten Einlagensatz, der nun bei 0,75 Prozent steht. Das ist der Zins, den Geschäftsbanken bekommen, wenn sie Geld über Nacht bei der Notenbank parken. Bis zur Juli-Sitzung lag der Einlagensatz im negativen Bereich. Bei einigen Banken hatten KundInnen deshalb sogenannte „Verwahrentgelte“ bezahlen müssen.

Mit der Zinserhöhung ist die EZB übrigens nicht alleine. Die US-Notenbank Fed hatte ihre Leitzinsen bereits mehrfach angehoben. In den USA liegen die Leitzinsen mittlerweile in der Spanne zwischen 2,25 und 2,50. Die EZB-Währungshüter wurden ziemlich stark dafür kritisiert, so lange gezögert zu haben. „Wichtig ist jedoch, dass die EZB langsam erkennt, dass sie eine wesentliche Verantwortung für die Preisniveaustabilität beziehungsweise für die Stabilisierung der Erwartungen hat“, sagt Helaba-Chefvolkswirtin Traud. „Dies ist ein großer Schritt vorwärts.“

herMoney Tipp

Leitzinsen, Einlagensatz, Inflation: Dir schwirrt der Kopf von diesen ganzen Begriffen? Dann lies dir doch nochmal in Ruhe unseren Hintergrund-Artikel zur Zinsentwicklung durch. Hier erfährst du auch noch einmal ausführlich, was steigende Zinsen für SparerInnen bedeuten. Wenn du lieber Podcasts hörst, schau hier bei der Folge „Zinswende! Welche Assetklassen sich bald wieder lohnen könnten“ vorbei.

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Floriana Hofmann

Die Finanzjournalistin Floriana Hofmann war Content Lead bei herMoney. Sie schreibt seit mehreren Jahren für Finanzmedien über Aktien und Börsenthemen. So war sie etwa beim Finanzen Verlag als "Leitung Digital" für die Online-Redaktion von "Börse online" und "Courage" verantwortlich.